Frau der Monate März/April

Erste Preisträgerin des Else-Falk-Preises Frauke Mahr

Frauke Mahr bei der Preisverleihung im Rathaus am 6.3.2020 © Marlies Hesse
Frauke Mahr bei der Preisverleihung im Rathaus am 6.3.2020 © Marlies Hesse

Frauke Mahr wurde am 03. Juni 1953 in Köln im Klösterchen in der Jakobstraße geboren, ‚kölscher‘ geht es kaum! Und sie wurde am 6. März 2020 - kurz vor der Corona-bedingten Schließung öffentlicher Räume – als erste Preisträgerin mit dem Kölner Else-Falk-Preis ausgezeichnet. Wer ist diese Frau?

Frauke Mahr wuchs als Tochter von Irmgard Mahr (geb. Basse) und Peter Mahr mit fünf Geschwistern auf, zunächst auf einem Dorf. Schon in der Kindheit gab es mehrere bedeutende Einflüsse auf ihre zukünftige Persönlichkeit: Da war einerseits die Situation der Mutter als geschiedene Frau – in einem katholischen Dorf im Selfkantkreis eine prekäre Position. Sodann gab es Nachwirkungen der NS-Ideologie in der Erziehung, aber auch erste „politische“ Interessenbildung „durch gemeinsames Fernsehen mit dem Großvater mütterlicherseits.“ (alle Zitate Email vom 31.03.2020 an die Verfasserin).

 

Frauke Mahr besuchte die Grundschule Heinsberg VI Randerath/Porselen-Horst, anschließend noch ein halbes Jahr die Grundschule in Brühl, es folgte das dortige Ursula-Lyzeum bis zur mittleren Reife und abschließend die Fachoberschule.

 Beruflich schwankte sie zunächst zwischen den Zielen Werbetexterin oder Journalistin. Sozialpädagogik stand nicht auf der Liste! Aber es kam ganz anders. Einerseits begleitete sie schon früh das Thema Nationalsozialismus: „Ich denke einerseits durch die in dieser Ideologie eingefärbte Erziehung, die ich erlebt habe und vielleicht auch durch Gespräche von Erwachsenen, die ich als Kind mitgehört haben könnte, vor allem aber durch das gemeinsame Fernsehen mit meinem Großvater in den Ferien. Er pflegte den Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer zu schauen und ich schaute mit.“ Sie lernte dort den „Verband der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) mit Ferdi Hülser und Heinz Humbach kennen, zudem war sie tief von der indisch stämmigen Journalistin Roshan Dhunjibhoy beeindruckt, die oft in der Sendung mit diskutierte. „Irgendwann stieß ich natürlich auch auf ‚amnesty international‘.“

 

Eines Tages nahm die Auszubildende in einer Werbeabteilung eines Kölner Unternehmens eher zufällig - in Vertretung eines erkrankten Amnesty-Gruppenmitgliedes - an einem Treffen von Friedensforschern in Römlinghoven bei Bonn teil. Dort lernte sie politisch aktive Männer wie Ansgar Skriver (u.a. Aktion Sühnezeichen) und aufgeklärte ‚Kirchenmänner‘ kennen. „Ich war sehr beeindruckt von den Gesprächen und Diskussionen um ‚Wiedergutmachung‘ und die klaren Aussagen zu den Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus. Ich habe dann leise jemand gefragt, was denn ein Mann, der gerade gesprochen hatte, von Beruf sei und mir wurde gesagt, er sei Sozialarbeiter.“ Sie schloss daraus, Sozialarbeit zu studieren impliziere, sich an der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen zu beteiligen. „… und da wusste ich, da will ich dabei sein, das ist mein zutiefst empfundenes Anliegen, Werbung und Journalismus waren erledigt.“

Sofort setzte sie ihren Wunsch in die Praxis um und begann mit einer Sondererlaubnis der Bezirksregierung Köln verspätet das Studium an einer Fachoberschule für Sozialpädagogik/Sozialarbeit. „Von 1973 bis 1976 studierte ich an der Staatlichen Fachhochschule Köln, Fachbereich Sozialpädagogik und schloss 1977 mit der staatlichen Anerkennung ab. Meine Abschlussarbeit hatte ich zur „Psychologie des Vorurteils“ geschrieben, unter besonderer Berücksichtigung der Misogynie.“ In der Arbeit führte sie alte und neue Themen zusammen, Nationalsozialismus und Frauenfeindlichkeit.

Spätestens seit ihrem Studium war Frauke Mahr frauen- und mädchenpolitisch bewegt. Bei Prof. Maria Mies war sie in Kontakt mit Problemlagen von Frauen gekommen, u.a. Gewalt in der Ehe. Sie wurde eine der Gründerinnen des ersten kommunalen Frauenhauses der Bundesrepublik in Köln. In dem von der Professorin, den Studentinnen und der über 80-jährigen ehemaligen Sozialarbeiterin Christa Thomas gemeinsam angeregten und gegründeten Frauenhaus leistete sie das obligatorische Anerkennungsjahr. Dort verlegte sie sich u.a. auf Öffentlichkeitsarbeit. „Ich zählte mich auch zur Kölner Frauenbefreiungsaktio (FBA), die ein Frauenzentrum in der Eifelstraße 33 unterhielt. Und als sogenannte ‚Bewegungslesbe‘ war ich zudem sehr sendungsbewusst und aktiv.“

 

Danach benötigte sie eine bezahlte Stelle und gelangte eher zufällig zur Altenarbeit. „Das war aber auch viel Frauenarbeit.“ Ab 1977 war Frauke Mahr für 13 Jahre bei der Clarenbachwerk Köln gGmbH angestellt, leitete zunächst die „Abteilung Aktivierung und Betreuung“ zur Entwicklung und Umsetzung neuer Konzepte und Betreuungsformen für die über 700 Bewohner*innen in den acht Alten- und Pflegeheimen mit gerontopsychiatrischen Stationen. Ab 1985 leitete sie eines der Alten- und Pflegeheime des Trägers mit 108 Bewohner*Innen.

 

Bereits in den 1970ern während der Arbeit im Frauenhaus hatte sie ein Schlüsselerlebnis mit einem traurigen oder wütend machenden Mädchenschicksal, als ein dreizehnjähriges Mädchen immer stiller und immer dicker wurde, aber keine den wahren Grund mitbekam. Noch gab es kaum Berichte über Missbrauch. „Sie war von ihrem Stiefvater über lange Zeit vergewaltigt wurden und war inzwischen schwanger. Die Mutter des Mädchens hat dann sehr viel Druck ausgeübt und so wurde das Baby sofort nach der Geburt zur Adoption frei gegeben. Das war für die Tochter schlimm. Dieses Erlebnis ist jetzt weiter über vierzig Jahre her und doch bleibt sowas hängen.“

 

Im November 1987 veranstaltete der „Kölner Verein zur Weiterbildung für Frauen“ (später Verein FrauenSicht) die erste bundesweite Fachtagung für Frauen zum Thema ‚Sexueller Missbrauch von Mädchen und Frauen‘. Er brach ein Tabu! Aus dieser Tagung gingen in Köln und bundesweit Initiativen für Mädchenhäuser hervor. Sie sollten breitgefächerte Hilfeangebot für Mädchen und junge Frauen in Krisen und Konfliktsituationen entwickeln. In Köln wurde sehr bald nach der Tagung Beratung für Mädchen und junge Frauen nachgefragt und entwickelte sich damit zum ersten Baustein des geplanten Hilfeangebots. Das nächste Ziel war der Aufbau eines Mädchencafés als offener Treffpunkt mit Freizeit- und Bildungsangeboten für Mädchen und junge Frauen, also die Idee parteilicher Mädchenarbeit im Rahmen der offenen Jugendarbeit. In dieser Phase stieß Frauke Mahr zu der Initiative für das Mädchenhaus (damaliger Name der Initiative). Zu ihren Aufgaben gehörte Konzeptarbeit und sehr bald auch Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising. Die Sichtbarmachung der Lebenslagen von Mädchen, ihrer Diskriminierung auf verschiedenen gesellschaftlichen Feldern und das Aufzeigen ihrer Gefährdungen durch sexualisierte Gewalt wurde zum Mittelpunkt des folgenden Berufslebens. Parallel begann sie eine Ausbildung als Supervisorin und arbeitete fast 30 Jahre auf diesem Feld.

Aus dem Verein Mädchenhaus wurde der Verein „LOBBY FÜR MÄDCHEN“ - Mädchenhaus Köln. Er ist heute ein anerkannter Träger der Jugendhilfe und wirkt frei, gemeinnützig und mildtätig. Er unterhält eine anerkannte Erziehungsberatungsstelle mit der Spezialform Mädchenberatung in Köln-Ehrenfeld und zwei Mädchenzentren. Zum Mädchenzentrum in Köln-Mülheim gehört ebenfalls ein Beratungsangebot. Das Mädchenzentrum öffnete 1998 als “interkultureller offener Mädchentreff“ seine Tore für Mädchen ab 10 Jahren aus 16 verschiedenen Nationen. Später installierten die geschäftsführung zusätzlich eine Online-Beratung für Mädchen und junge Frauen aus Köln und Umgebung. Die Arbeit der LOBBY FÜR MÄDCHEN setzt an den Stärken und Kompetenzen der Mädchen und jungen Frauen an, will sie empowern, individuelle Lösungsschritte zu entwickeln und ihr Selbstwertgefühl zu stärken.

Frauke Mahr wurde im April 1991 Gesamtkoordinatorin und im Juli 2019 Geschäftsführender Vorstand des Vereins LOBBY FÜR MÄDCHEN. Sie gewann sehr früh die Erkenntnis, dass zu einer erfolgreichen Frauenpolitik auch eine eigenständige Mädchenpolitik gehört. An dieser mangelte es jedoch in Köln. Ihr war wichtig, eine solche Arbeit zu verstetigen. Um für die Projekte zur Verbesserung der Lebenslage von Mädchen und jungen Frauen zu sensibilisieren, erwies sich Frauke Mahr als Genie der Öffentlichkeitsarbeit, u.a. als Herausgeberin des Magazins LOBBY FÜR MÄDCHEN. Ihr Ziel, dass die Politik mehr Geld für die Mädchenarbeit geben und den Fachverstand der Träger nutzen solle, verfolgt sie seit Jahren an allen wichtigen Schauplätzen. „Wenn man sieht, wieviel Geld zum Teil für Beratungsgesellschaften rausgeschmissen wird, die ein hohes materielles Eigeninteresse haben, geht es mir darum nicht. Mein Interesse ist es, dass das Fachwissen, was über lange Jahre durch die konkrete Arbeit und theoretische Auseinandersetzung erworben wurde, mehr abgefragt wird.“ Sodann schaffte sie es, viele Firmen und Gruppen als dauerhafte Unterstützer zu gewinnen. Die von ihr geplanten Aktionen und Benefizveranstaltungen fanden dazu ungewöhnliche Veranstaltungsorte, so einen Hörsaal der Rechtsmedizin für eine Benefizlesung mit Regina Schleheck und der Combo Viato.

2016 gründete sie mit den Teilnehmerinnen des bestehenden Arbeitskreises "Gegen gewalt an Frauen" die „Kölner Initiative gegen sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum“. Die Initiative entwickelte ein Konzept dezentraler Schutzorte für Mädchen und Frauen, setzte die Idee einer mobilen Beratungsstelle für Großveranstaltungen um und stellte zuletzt eine unterstützende Smartphone-Anwendung vor. Unter dem einprägsamen Namen und Bild EDELGARD wird die Forderung nach einem gewaltfreien Leben für Mädchen und Frauen vertreten. Mädchen sollen genauso feiern und rumlaufen können, wie sie es möchten. Die Stadtgesellschaft, insbesondere aber Kölner Unternehmerinnen und Unternehmer – von Apotheken über Buchhandlungen und Restaurants bis hin zur Zoohandlung sollen und wollen dazu beitragen und machen dies mit einem Aufkleber an der Tür sichtbar. Auch hier ist Frauke Mahr eine effektive Pressesprecherin. Ob gegen Sexismus im Karneval, sexualisierte Werbung im öffentlichen Raum, unverständliche Gerichtsurteile oder misogyne Artikel und Leser*inbriefe in der Lokalpresse: Frauke Mahr ist stets eine aufmerksame Kritikerin und Anwältin der Mädchen und Frauen.

Neben dem Werben „für“ hat Frauke Mahr nie das das klare und eindeutige „gegen“ gescheut, wie es in ihrem erfolgreichen Engagement gegen einen Sponsoring-Vertrag der Pascha-Tabledance GmbH mit dem Fan-Projekt des 1.FC Köln im Jahr 2005 deutlich wurde oder ihrer Beteiligung an der Podiumsdiskussion „Kulturort Bordell?“ (2007).

 

Eine andere Zielrichtung verfolgte das Projekt Sternschnuppe. Gemeinsam mit Astrid Peter, Sonia Bach und später weiteren Frauen konzipierte Frauke Mahr Ende der 1990er Jahre die Idee eines wertschätzenden Preises von Frauen für Frauen. Nachdem die erste geehrte Inge von Bönninghausen ausgezeichnet war, wurde dem Preis der Beiname "Inge-von-Bönninghausen-Preis“ zugefügt. Er wurde für Zivilcourage, Unbestechlichkeit und besonderes feministisches Engagement verliehen.

„Geadelt“ wurde ihr großer Einsatz für Frauen- und Mädchenrechte u.a. durch Kritik von rückwärtsgewandten Männerrechtlern auf der Internetseite Wikimannia. Ansonsten erfuhr sie Ehrungen durch ernstzunehmende Institutionen wie 2011/12 den NRW-Preis Mädchen & Frauen im Sport) als Teil des Aktionskreises "Rote Karte – Stadtsportbund Köln e.V.". Der NRW-Preis galt als Anerkennung des Gremiums, das in seiner sozialen Arbeit auch im Sektor Sport Herausragendes leistete, um das Ziel, eine partnerschaftliche und geschlechtergerechte Entwicklung des organisierten Sports zu erreichen. – Zu Recht wurde sie 2020 die erste Preisträgerin des Kölner Else-Falk-Preises für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der Gleichstellung der Geschlechter. Er wurde ihr am 6. März 2020 im Historischen Rathaus von der Oberbürgermeisterin Henriette Reker und der Gleichstellungsbeauftragten Bettina Mötting feierlich verliehen. Frauke Mahr hielt dabei eine sehr berührende Rede.