„Ich wollte ja was bewegen, mitgestalten.“ Marlis Bredehorst

Marlies Bredehorst, © Eli Wolf
Marlies Bredehorst, © Eli Wolf

Marlis Bredehorst wurde am 3. September 1956 in Hamburg geboren, von ihrem Naturell her war sie aber durchaus keine steife Norddeutsche. Nach dem Abitur 1974 studierte sie an der Universität Hamburg Rechtswissenschaft und schloss es mit den üblichen Juristischen Staatsprüfungen ab, ‚natürlich‘ mit Prädikatsexamen.  Ab 1976/77 hörte sie parallel Vorlesungen in (angewandter) Soziologie und machte 1981 einen Abschluss als Diplom-Sozialpädagogin, 1985 als Diplomsoziologin.

 

Nach dem Referendariat beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg übernahm sie ihre erste Stelle mit politischem Impetus: Sie wurde Personalrätin für ReferendarInnen. 1988 trat die Juristin in den Staatsdienst ein und war zunächst in der Hamburger Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Hamburg – Amt für Arbeitsschutz tätig, wechselte dann innerhalb der Behörde auf den Posten der stellvertretenden Leiterin der Rechtsabteilung. Wiederum war ihr ein Job zu langweilig; so gab sie Lehrveranstaltungen an der Universität Hamburg, an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung Hamburg sowie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im Studiengang Pflege und Gesundheit.

 

In ihrer Freizeit pflegte sie mehrere Hobbies: Sie engagierte sich für Frauenmusik und beteiligte sich maßgeblich am Aufbau des Frauenmusikzentrums Hamburg. Seit 1984 organisierte sie darüber hinaus die 1. Norddeutsche Frauenmusikwoche in Lüneburg mit: „Acht Frauen aus Köln, Oldenburg, Lüneburg und Hamburg - Sonja Griefahn, Christine Hörmann, Nema Heiburg, Katrin Sdun, Lavenda Schaff, Marlis Bredehorst, Sigrid Poepping, Ele Grimm - gründeten 1984 den Verein Frauen machen Musik e.V."  (Vgl. ddf).  Auch war sie an der Herausgabe des Rundbriefes Frauen machen Musik beteiligt. Dieses Engagement ebbte mit dem Umzug ins Rheinland ab, aber nicht vollständig: Sie trat hier als Flötistin auf, u.a. bei zwei Veranstaltungen in Köln zu Dorothee Sölle.  Ihre CD-Sammlung vor allem mit Frauenmusik war legendär. Ein weiteres Hobby waren Frauen-Ski-Reisen, hier bot sich die sportliche Frau als Skilehrerin an. Das Vergnügen blieb ihr lange erhalten.

 

1995 ging sie zu ihrer ersten Versicherung, wurde Geschäftsführerin einer Unfallversicherungsträger des öffentlichen Dienstes. Dann wagte sie den Sprung ins Rheinland. 1998 wurde Marlis Bredehorst Direktorin und Geschäftsführerin beim Rheinischen Gemeindeunfallversicherungsverband Düsseldorf. Sie zog jedoch nach Köln. Ihr Bekenntnis, das Rheinland sei zwar nicht der schönste, aber der beste Ort, um in Deutschland zu leben, klingt glaubhaft. (Vgl. Interview). Sie fand schnell intensive Kontakte in der Frauen-/Lesbenszene, begeisterte sich auch - ganz unprotestantisch - für den alternativen Karneval.

2003 wurde die Juristin mit Verwaltungserfahrung Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und bald darauf wurde sie auf Vorschlag der Grünen Beigeordnete der Stadt Köln. Zunächst arbeitete sie als Dezernatsleiterin für Soziales und Integration. Sie verantwortete die Bereiche Soziales, Gesundheit, Wohnen, SeniorInnen, Inklusion / Menschen mit Behinderungen, Integration, LSBT usw. und engagierte sich u.a. für Frauenprojekte wie Frauen gegen Erwerbslosigkeit oder lesbisch-schwule Projekte wie das Rubicon. Die erste Grüne Beigeordnete Kölns rief die Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule , Transgender ins Leben, die als kommunale Fachstelle bis heute Querschnittsaufgaben verantwortet. Egal ob Förderung lesbisch-schwuler Senior:innenarbeit im Rubicon oder die Erstellung eines Landesaktionsplanes gegen Homo- und Transphobie in NRW oder die Realisierung des bundesweit ersten queeren Wohnprojekts "villa anders" – Marlis Bredehorst war dabei. Zudem kümmerte sie sich als Integrationsdezernentin um den Moscheebau und wies darauf hin, dass die Protestant:innen in Köln zwar erst seit 200 Jahren eigene Kirchen haben dürften... solange solle es aber bei den Muslimen nicht dauern. (vgl. 2007 Christoph Driessen).

Später kam das Ressort Umwelt hinzu mit Themen wie Arbeitssicherheit, Arbeitsmedizin – und leider auch dem Einsturz des Stadtarchivs.

 

Getragen wurde ihre unfassbare Aktivität von einem liebevollen Privatleben. 

„Es war auf einer Geburtstagsfeier, als sich die Blicke von Marlis Bredehorst und Eli Wolf ineinander verfingen: 'Ich war sofort verliebt, denn auf einmal stimmte alles. Wir mochten uns – da störte nichts.' “  Was auch beim öffentliche-rechtlichen Fernsehen des SWR wie Boulevard klingt, spiegelt eine große Liebesgeschichte. Ihre Bindung mit der protestantischen frauenbewegten Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Eli Wolf führte 2002 zur Verpartnerung. Die Boulevardpresse berichtete das erste Mal. 2006 ließen sich beide in Frankfurt segnen. Eli Wolf folgte Marlis Bredehorst nach Köln, das Paar bekam zwei Kinder. Nach der rechtlichen ‚Erlaubnis‘ folgte dann 2017 die Heirat. Wieder gab es Homestories. Das Outing und das Öffentlichmachen der lesbischen Mutterschaft waren dabei pragmatische, bewusste Schritte, um die Texte der Boulevardpresse zumindest ansatzweise zu steuern. Gerade ihr öffentliches Coming-out als lesbische (Ko-)Mutter machte sie bundesweit bekannt, es gab einen kleinen Hype.  Nun beschäftigte sie sich stark mit dem Thema Regenbogenfamilien, ging auch selbst zu Treffen solcher Gruppen.

 

Dabei wird die tiefe Bindung zu einer Pfarrerin Erstaunen hervorgerufen haben: Marlis Bredehorst war im Alter von 26 Jahren in Hamburg aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, weil diese ihr zu staatsnah und zu wenig auf der Seite der Benachteiligten war.  (vgl. Interview).  Aber der Einfluss der Partnerin und die inzwischen veränderte rheinische Kirche wirkten anhaltend: Mit 46 Jahren trat die offen lesbische Frau wieder in die Evangelische Kirche ein, wurde Mitglied im Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln und später sogar Mitglied im Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Köln-Mitte und der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

Nach dem nordrheinwestfälischen Wahlsieg des rot-grünen Bündnisses im Juli 2010 ernannte SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sie zur Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, geleitet von Barbara Steffens.  Auch in diesem Ministerium gab es ein breites Themenspektrum: Mal hob Bredehorst die Bedeutung von Architektinnen hervor (Künstlerinnenpreis 2010 in Düsseldorf), mal kümmerte sie sich um die medizinische Versorgung von Wohnungslosen, dann wieder um die gesellschaftliche Teilhabe von älteren Menschen mit Migrationshintergrund. Sie wirkte mit bei der grenzüberschreitenden Vernetzung von 123 deutschen und niederländischen Krankenhäusern, deren Sinn gerade unter Coronabedingungen evident ist, und versuchte, Patient:innensicherheit und Infektionsschutz zu verbessern. Auch das Thema Geschlechterdifferenzierung in der Medizin gehörte zu ihrem Portfolio. Staatssekretärin Bredehorst engagierte sich zudem für Jugendprojekte wie „SchLAu“, das den Abbau von Vorurteilen gegenüber homosexuellen Jugendlichen anstrebt, indem Ehrenamtler:innen in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen über eigene Erfahrungen als Schwule und Lesben berichten.

Ende 2013 schied Bredehorst aufgrund von Differenzen mit Ministerin Steffens aus dem Landesdienst aus und wurde mit 57 Jahren in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Als Grund wurde ein gestörtes Vertrauensverhältnis genannt. (Artikel RP)

 

Sie gab nun wieder nebenamtlich Lehrveranstaltungen an einer Fachhochschule. Zunehmend engagierte sich die Juristin in ihrer evangelischen Kirchengemeinde und in der Partei Die Grünen. In der Kirche setzte sie sich z.B. für eine geschlechtergerechte liturgische Sprache ein. „In der Bibel ist keine Rede von einem männlichen beziehungsweise weiblichen Gott – wir sollen uns ja schließlich kein Bildnis schaffen. Es macht aber etwas mit einem Gläubigen, der Gott als ,Herr‘ anspricht“, ...  Hier könne und solle die Kirchenleitung Einfluss nehmen. Und weiter: „Ich engagiere mich für eine echte Gleichberechtigung innerhalb der Rheinischen Kirche. Es gibt so viele fähige Frauen. Die müssen wir dazu holen.“ (Nachruf Kirche). Die Kirche im Rheinland bewertete sie zwar als durchaus  fortschrittlich unter den Aspekten Flüchtlinge, Gleichstellung der Frauen etc. Aber sie forderte mehr:  „Das muss alles viel mehr in die Praxis umgesetzt werden. Das Gleichstellungsgesetz zum Beispiel ist ja da. Wir müssen es nun konsequent umsetzen.“ (ebenda) Auch als sie schon lange schwer erkrankt war, bis zum Mai 2020, übte sie ihre kirchlichen Ehrenämter noch aus.

 

„Zu den GRÜNEN hat sie – in ihren eigenen Worten – ihre Lust am „Weltverbessern“ gebracht…“ (Nachruf Grüne) Von 2014 bis 2016 war Bredehorst Kreisvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in Köln. Im Nachruf wird ihre Bedeutung für die lokale Parteiarbeit hervorgehoben: „Als Vorsitzende war sie maßgeblich an der ersten Grün-unterstützten Kandidatur von Henriette Reker und dem Schwarz-Grünen Kooperationsbündnis auf Ratsebene beteiligt. Als kritische Juristin, langjähriger Teil der autonomen Frauenbewegung und offen lesbisch lebende Frau war Marlis Bredehorst nicht nur eine Vorkämpferin für Grüne Themen, sondern auch ein Vorbild und eine Motivation für andere."  Das Amt der Kreisvorsitzenden habe Marlis Bredehorst als eine Möglichkeit gesehen, den sie immer unterstützenden GRÜNEN etwas zurückzugeben.

 

Noch Ende Juli 2020 gab die lebenslustige, aber durchaus schwerkranke Frau dem Kölner Frauengeschichtsverein ein Interview für sein  „Zeitzeuginnen-Projekt“. Bald ist sie auf unserem youtube-Kanal noch einmal zu sehen. Das Interview führte die Journalistin Monika Mengel, die in einem früheren Leben Sängerin der Berliner Rockband „Flying Lesbians“ war und mit Marlis Bredehorst an die wilden Zeiten der Frauenrockmusik in den 1970 und `80er Jahren anknüpfen konnte. Sie erlebte "eine zugewandte, starke Frau, offen und kämpferisch und eine Frau, die auf beeindruckende Weise mit sich im Reinen zu sein scheint." (Mengel)

 

Wenn auch an einem Freitag, dem Tag der Liebesgöttin Freya/Venus geboren, so passt es, dass sie an einem Sonntag verstarb. Am 11. Oktober 2020 erlag sie ihrer Krankheit im Alter von 64 Jahren und wurde am 20. Oktober 2020 auf dem Kölner Südfriedhof beigesetzt.

 Viele Organisationen, deren Interessen sie vertreten hatte und die sie kannten, äußerten Verlustgefühle und ehrten sie. OB Reker erinnerte sich an die Kollegin: Ich habe Marlis Bredehorst als eine starke Persönlichkeit und stets den schwächeren Menschen zugewandte Frau erlebt.

Die junggebliebene  Marlis Bredehorst, deren Leben in allen Phasen, auch im Privaten, immer politisch war, bleibt in Erinnerung nicht zuletzt wegen ihrer Fröhlichkeit, Gelassenheit und Zuversicht. In vielen Nachrufen wird ihr Humor, ihr breites lautes Lachen betont. In der Tat: Marlis Bredehorst war ein selten hoffnungsvoller Mensch. Bis zuletzt nahm sie sich Projekte vor, die sie noch erledigen wollte. Am Ende des Interviews für den Kölner Frauengeschichtsverein antwortete sie auf die Frage, ob sie ein Fazit aus ihrem Leben ziehen könne: „Ich bedauere sehr, dass ich unsere Kinder nicht aufwachsen sehen kann. Aber ansonsten bin ich mit meinem Leben total zufrieden. Ich habe viel erreicht.“  Auch Kölns OB Henriette Reker benennt  Bleibendes: Marlis Bredehorst habe sich früh und sehr engagiert für die "Ehe für alle" eingesetzt. "Es hat sich was geändert", sagte sie zuletzt. "Es macht mich stolz, dass meine Frau und ich und unsere Kinder Teil davon sind." (Nachruf Stadt Köln